Retail: neue Konzepte dringend gesucht

Jetzt ist der Zeitpunkt, um sich neu zu erfinden, aber auch die eine oder andere Top-Lage zu ergattern. Mario Schwaiger, Bereichsleiter Einzelhandelsimmobilien bei EHL im Kurzinterview.

08.10.2020 | Donnerstag vor 17 Tagen von Lisa Grüner
Retail: neue Konzepte dringend gesucht Foto: REMG/Schiffl

Retail: neue Konzepte dringend gesucht

Es gibt große Veränderungen am Markt und diese fordern neue Konzepte. „Jetzt ist der Zeitpunkt für Retailer sich hinzusetzen und eine umgehende Markt-, Standort- und Produktanalyse durchzuführen. Aufgrund dieser Daten müssen sie Entscheidungen treffen und vor allem sich etwas einfallen lassen“, erklärt Mario Schwaiger, Bereichsleiter Einzelhandelsimmobilien bei EHL. Die COVID-19-Pandemie wird als Killer für den Einzelhandel gesehen, doch so ganz stimmt das nicht. „Es ist eher ein Brandbeschleuniger“, so Schwaiger. „Retail ist im Umbruch, aber Retail ist nicht tot. Langweilige oder nicht mehr zeitgemäße Konzepte werden allerdings aussterben.“ 

Dennoch, so erzählt der Immobilienprofi, entwickeln sich drei Lager: Die, die zusperren müssen, die die sich zurückziehen und erst einmal abwarten und dann die, die die Lage für sich nutzen und expandieren. 

 Expansionswünsche jetzt umsetzen 

„Derzeit erleben wir, dass Top-Lagen frei werden, von denen man vor ein, zwei Jahren nur träumen konnte“, so Schwaiger. „Wer jetzt geschickt ist und schnell zugreift, kann nur gewinnen.“ Tatsächlich überlegen viele Retailer nicht so gut gehende Standorte zu schließen und lieber in gute Objekte in Top-Lage zu investieren.“ 

Der Trend, dass die B-Lagen immer mehr verlieren, wurde durch die Pandemie weiter verstärkt. „Will man hier nicht einen kompletten Leerstand haben, der schlussendlich das Stadtbild negativ prägt, muss sich die Politik etwas überlegen.“ Tatsächlich sind hier die Bezirke und die Stadt gefragt, sich anzustrengen. 

Für viele Unternehmer ist momentan auch der Zeitpunkt, sich vom Markt zurückzuziehen. „Retailer, die sich gerade noch so durchgewurschtelt haben, erkennen jetzt, dass es vorbei ist und ziehen die Reißleine. Andere versuchen möglichst große Mietnachlässe herauszuverhandeln. Momentan herrscht ein großes Ungleichgewicht zwischen den Vorstellungen der Eigentümer und den Forderungen der Mieter. Manche Unternehmer brauchen das Entgegenkommen des Eigentümers, um sich neu aufstellen. Das muss der Eigentümer dann individuell entscheiden.“ Dennoch empfiehlt Schwaiger den Eigentümern, sich Ende des Jahres den Gesamtumsatz anzuschauen, und dann weiter über die Miete zu verhandeln.

Retailer, die sich gerade noch so durchgewurschtelt haben, erkennen jetzt, dass es vorbei ist und ziehen die Reißleine.

Boombranchen   

Erdgeschosslagen stehen derzeit durchaus im Fokus der Gesundheitsbranche. „Ärzte, Physiotherapeuten, Labore etc. suchen gezielt nach Räumlichkeiten und Flächen im Erdgeschoss. Sie bieten die Möglichkeit, dass Patienten draußen warten können. Auch die Bewerbung durch Beklebung etc. ist ein großer Vorteil. Viele Arztpraxen sind irgendwo versteckt im Hinterhof untergebracht, das wird sich langfristig ändern.“ 

Auch die Fitnessbranche boomt. Viele Anbieter suchen größere Flächen, um die vorgeschriebenen Abstände einhalten zu können. Ein interessantes Konzept, dass sich weiter durchsetzen könnte sind die Fitnessboutiquen. Der Sport- und Gesundheitsgedanke ist nach wie vor da und die Leute haben momentan auch mehr Zeit und wollen Sport machen. „Kleinere Objekte in Nebenlagen in gut situierten Bezirken sind nachgefragt“, so Schwaiger. „Interessant sind 150- 200 Quadratmeter, bei denen ein Fast-Fitness-Konzept ohne Duschen umgesetzt werden kann. Einfach im Jogger aus der Wohnung runter in die Fitnessboutique, Sport machen, zuhause duschen. Im sechsten, siebten, achten Bezirk sehen wir da durchaus, dass es klappen kann. Es ist wie einkaufen. Man konsumiert 20 Minuten Fitness und hat ein gutes Gefühl.“ 

Gefragt sind Objekte mit 150- 200 Quadratmetern, bei denen ein Fast-Fitness-Konzept ohne Duschen umgesetzt werden kann. 

Auch Branchen wie der Lebensmittel- und Drogeriehandel, Tiernahrung, Baumärkte, Gartenmöbelhersteller und vor allem auch der Sporthandel haben von den letzten sechs Monaten profitiert. „Der, der den Platz hat, hat sich heuer seine neue Garteneinrichtung und einen Griller gekauft. Auch Pflanzen für den Garten wurden verstärkt nachgefragt.“ Am härtesten getroffen hat es die Textil- und Schuhbranche. 

„Manche sind mit einem blauen Auge davongekommen. Langfristig rechnen wir in dieser Branche mit einer hohen Bereinigung.“ Der Online-Handel wird sich weiter gut entwickeln, aber nicht mehr so explodieren. „Viele Leute haben Laptops, Drucker oder auch Bekleidung und Schuhe etc. online gekauft, für viele war es ihr erster Onlinekaufe. Diese Leute werden das auch weiter nutzen, aber nicht in einem hohen Ausmaß.“   

Das Interview mit Mario Schwaiger, Bereichsleiter Einzelhandelsimmobilien bei EHL fand im Rahmen des Real Circle, einer Veranstaltungsreihe des ImmoFokus statt. Die Langfassung lesen Sie in der kommenden Printausgabe.